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Interview mit Christoph Maria Herbst

Interview mit Christoph Maria Herbst, alias Bernd Stormberg, Köln, 2.2.2007, anlässlich seines Buch „Chef-Deutsch//Deutsch-Chef“, Langenscheidt Verlag, München, ab 24. Februar 2007 im Handel. Das Gespräch führte Dagmar Ponto

Christoph Maria Herbst im Gespräch über Bernd Stromberg, dessen Schwächen, die Chefs der Arbeitswelt, das Altern und wie man besten Chef wird: „Nach unten treten, noch oben buckeln, und das immer in der richtigen Dosis“

Frage: Chef sein bedeutet für Bernd Stromberg?

Christoph Maria Herbst: Chef sein ist keine Berufsbezeichnung, Chef sein ist eine Lebenseinstellung. Jeder Bauernhof ist leichter zu managen, als eine Horde Mitarbeiter.

Frage: Wer ist denn überhaupt Herr Stromberg, Bernd Stromberg?

CMH: Bernd Stromberg ist, wie wir es in dem Buch ja auch vollkommen zu Recht sagen, Chef, Fernsehstar und Menschenfreund.

Frage: Ist Stromberg denn schon republikweit bekannt?

CMH: Ja, klar, Bernd Stromberg, wer kennt ihn nicht? Die meisten Menschen kennen ihn inzwischen besser, als er sich selber, weil sich keiner charmanter selbst im Weg steht, als Bernd.

Frage: Wie ist er denn überhaupt Chef geworden?

CMH: Ich denke, weil er a) die richtigen Leichen im Keller hatte und b) er letztlich das befolgt hat, was in dem Langenscheidt-Lexikon „Chef-Deutsch//Deutsch-Chef“ thematisiert wird. Er reagiert freundlich in den richtigen Situationen, aber auf jeden Fall immer freundlich ablehnend. Auch ansonsten befolgt er die Weisheiten, die er sich selbst gebastelt hat: Dass man mit helfen nicht weiterkommt oder wenn man erst einmal anfängt, zu helfen, hat man gleich den ganzen Mob vor sich und befindet sich in einem Teufelskreis, einer Spirale, die kein Ende findet. Also immer schön auf den eigenen Vorteil bedacht sein, dann klappt das auch mit der Chefwerdung.

Frage: Was für ein Chef ist er?

CMH: Erst komme ich, dann kommt lange Zeit erst mal nix, dann kommt ein Foto von mir und dann die Sintflut.

Frage: Ich würde Sie gern als Schauspieler fragen: Was zeichnet den Chef Bernd Stromberg aus? Sie haben doch sicher eine Vorstellung, wie Sie ihn angelegt haben.

CMH: Auf jeden Fall. Ich habe mich zur Vorbereitung auf die erste Staffel so ganz albern an meinen Schreibtisch in meinem steuerlich absetzbaren Arbeitszimmer gesetzt, und mich dabei ertappt, wie ich mir wie am Reißbrett überlegt habe, was dieser Typ für Marotten haben könnte. Da habe ich mir dann so zehn, zwanzig Sachen zurecht gelegt, um dann festzustellen, dass die in der Drehwirklichkeit am Set überhaupt nicht funktionieren. Sie waren nicht wirklich dazu geeignet, den Charakter transparent werden zu lassen. Am Ende ist geblieben, dass er sich sehr gerne die Hände in die Hüfte stemmt, um dadurch breiter zu wirken, er kommt ja eher so ein bisschen leptosomer Typ daher. Es war damals auch meine Idee, die Schulterpolster aus den Jacketts herauszunehmen, damit er noch ein bisschen mehr wie ein Tannenbaum aussieht. Das sind so Dinge, die ich mir aus dem Tierreich abgeguckt habe, dass er sich wirklich breiter macht, als er ist. Und dieses Sich-über-den-Bart-fahren sind sicherlich so Attitüden - das macht er vor allem, wenn er lügt. Und mehr so kleinere Marotten, die den Phänotypus Bernd Stromberg zu dem machen lassen, was er ist. Aber ohne die brillanten Texte von Ralf Husmann und seinen Leuten wäre Stromberg natürlich gar nichts. Die Fans haben, glaube ich, vor allem auch viel Spaß an den unfassbaren Sätzen, die er von sich gibt, wie beispielsweise, ’Lirum Larum’ oder ’Das Leben ist kein Ponyhof’ oder ’Man sollte den Arsch nicht höher hängen, als man scheißen kann’.

Frage: Wunderbar! Hat Stromberg denn auch Schwächen, die er zugibt?

CMH: Stromberg hat jede Menge Schwächen. Er schafft es aber, sie in seinem verdrehten Kosmos so darzustellen, dass sie als Stärken rüberkommen. Das ist sicherlich einer der wichtigsten Punkte über die das Komödiantische in diesem Format funktioniert. Das nämlich die agierenden Figuren, nicht nur Stromberg, sondern auch eine Erika, ein Ernie, ein Ulf und auch eine Tanja, quasi unmittelbar in die Kamera sprechen. Wir erleben sie in einer sogenannten Interviewsituation. Dann aber findet, in den eigentlichen Spielsituationen, also in den von uns behaupteten realistischen Momenten, diesen „private moments“, genau das Diametrale zu dem statt, was sie in den eigenen Interviews postuliert haben.

Frage: Haben Sie einen Tipp für alle, die Chef werden wollen?

CMH: Ein Tipp für alle, die Chef werden wollen: Nach unten treten, nach oben buckeln, und das immer in der richtigen Dosis.

Frage: Und ein Tipp für alle, die schon Chef sind?

CMH: Ein Tipp für alle, die schon Chef sind, wäre sicherlich: Weiterhin schön das Reservat abstecken, Pfründe sichern und immer schön die Dinge wegdelegieren. Denn je weiter man die Treppe hoch fällt, desto mehr nimmt der Sachverstand ab. Aber umso mehr Stabsstellen man, die man mit der Arbeit beauftragen kann.

Frage: Sind Sie auch Chef?

CMH: Ich selbst bin kein Chef, nur mein eigener. Als Christoph-Maria Herbst bin als frei schaffender Schauspieler in dieser komisch zwittrigen Situation, schon so eine Art kleiner Unternehmer zu sein. Aber in dem Moment, in dem ich arbeite, reiche ich wie fast jeder normale Bürger meine Steuerkarte ein und bin Steuerzahler und weisungsgebunden. Ich bin also immer dann mein Chef, wenn ich nicht arbeite. Sobald ich arbeite, habe ich das zu tun, was andere mir sagen. Es ist ein ganz eigenartiges Konstrukt.

Frage: Gibt es Überschneidungen in der Persönlichkeit von Ihnen und Bernd Stromberg? Oder anders gefragt: Schlagen zwei Herzen in Ihrer Brust?

CMH: Ähm…. Auf keinen Fall. Bernd Stromberg hat mit dem Darsteller Herbst so viel zutun, wie eine Kuh mit dem Schlittschuhlaufen. Wie in jedem anderen Menschen ringt ja täglich das Schlechte mit dem Guten und das Gute mit dem Schlechten. Es gibt sicherlich auch in mir negative Eigenschaften, die ein Bernd Stromberg auslebt. Die gibt es aber nur in dermaßen homöopathischen Dosen, dass sie biochemisch gar nicht nachweisbar sind.

Frage: Wollten Sie schon einmal gerne Stromberg im richtigen Leben sein?

CMH: Ich kann Ihnen sagen, ich wäre sicherlich zum Stromberg geworden, wenn ich mich nicht Mitte der Achtziger entschieden hätte, die Banklehre als Lehrzeit zu beenden und dann ins Angestelltenverhältnis gegangen wäre. Ich glaube schon, dass jedweder Beruf abfärbt, einen schleift und beugt und letztlich zu dem macht, was das System und die Firma mit einem vorhat. Ich kann mir vorstellen, wenn ich meinen Weg bei einer großen deutschen Bank gegangen wäre, dann hätten sich die Arschlochseiten in mir - unter Umständen - auf das schönste herauskristallisiert und ich hätte diese mit der Zeit auf eine Weise kultiviert, dass ich sie selber gar nicht mehr gemerkt hätte. Und fertig wäre dann der Bernd Maria Stromberg gewesen. Und ich bin eigentlich ganz froh, dass ich diesen Charakter nur spiele und weiß, wann er aufhört.

Frage: Stichwort zu Ihrem Geburtsort Wuppertal?

CMH: Wuppertal, da steht meine Wiege. Es ist für mich jetzt nicht mehr so sehr Heimat, vielleicht noch dadurch, dass Teile meiner Familie da leben. Heimat ist für mich als Schauspieler, der ich eigentlich unentwegt in der Gegend herumreise, dort, wo mein Hut hängt, um Udo Lindenberg zu zitieren. Mich verbindet mit Wuppertal aber natürlich trotzdem einiges, wie beispielsweise die Schwebebahn, das nach wie vor sicherste Verkehrsmittel der Welt. Letztlich auch ein Horst Tappert und eine Rita Süßmuth und ein Friedrich Engels, die ja alle aus dieser wunderbaren Stadt kommen. Ansonsten gibt es aber auch eine wunderbare Autobahn, auf der man Wuppertal weiträumig umfahren kann.

Frage: Sie wurden letztes Jahr vierzig und steuern damit rapide auf die Fünfzig zu – denken Sie oder denkt Stromberg über das Alter nach?

CMH: Also, Stromberg denkt, glaube ich, unentwegt über das Altern und das Alter nach. Wir haben ja mal behauptet, dass die Figur so Mitte vierzig ist, und so wie ich als Stromberg aussehe, glaubt man das ja auch. Der hat, glaube ich, eigentlich nicht wirklich ein anderes Thema, als die Angst davor, irgendwann zum alten Eisen geschoben zu werden. Stromberg ist einer von den vielen, vielen Menschen, auch in unserer Gesellschaft, die eigentlich ansonsten nicht viel mit sich anzufangen wissen.

Frage: Können Sie ganz kurz beschreiben, was das Bullshit-Bingo ist, das in Chef-Deutsch / Deutsch-Chef so schön beschrieben ist? Und wie es gespielt wird?

CMH: Das Bullshit-Bingo ist auch eine ganz fantastische Errungenschaft dieses Langenscheidt-Lexikons, geeignet für die typische Konferenz- oder Sitzungssituation. Es kann sowohl vertikal, wie auch horizontal als auch diagonal gespielt werden. Sie haben in einer Rasterform fünf zu benutzende Begriffe, und wer die in seinem realen Leben – am besten am Konferenztisch - als Erster nacheinander möglichst sinnentleert anwendet, der muss aufstehen und vor versammelter Mannschaft „Bullshit“ rufen. Er oder sie kriegt dann einen Punkt gutgeschrieben und ich glaube, wenn man zehn Punkte hat, dann gibt’s ein Heiligenbildchen.

Frage: Wieviele Punkte würde Ihrer Meinung nach Stromberg im Cheftest im Buch einheimsen?

CMH: Selbstverständlich die volle Punktzahl.

Frage: Wenn Sie Bernd Stromberg charakterisieren sollten – mit welchen zwei Haupt-Charaktereigenschaften würden Sie ihn beschreiben?

CMH: Im Mäntelchen des Leutseligen einhergehend, aber immer nur auf den eigenen Vorteil bedacht seiend und schlimm großmannssüchtig.

Frage: Ihr Drehbuchautor Ralf Husmann hat in einem Interview gesagt, Stromberg sei die Rolle Ihres Lebens – würden Sie dem zustimmen?

CMH: Zum Teil. Es ist sicherlich die Rolle meines momentanen Lebens. Aber ich hoffe nicht, dass sie die Rolle meines restlichen Lebens ist. Wie Sie charmanterweise eben ja schon gesagt haben, steuere ich auf die Fünfzig zu. Ich möchte nochmals, in einer Klammeröffnung sagen, dass ich dafür noch zehn Jahre Zeit habe - Klammer zu. Aber ich hoffe sehr, dass ich bis dahin auch noch andere Figuren angeboten bekomme. Denn wenn Stromberg irgendwann mal aufhört, auch mithin mein Leben oder mein künstlerisches Leben beendet wäre. Und diesen Gedanken möchte ich gar nicht überreißen.

Frage: Da muss ich gleich mal fragen, gibt es eine neue Staffel?

CMH: Ja, es gibt eine neue Staffel und die wird ab dem 5. März um 22.45 Uhr montagabends auf Pro 7 zu sehen sein. Acht Folgen – und noch ein „best of Stromberg“ und dann schauen wir mal, wie’s weiter geht.

Frage: Nochmal zu Ralf Husmann, der über Sie gesagt hat, Stromberg kann nur von Ihnen gespielt werden – das ist Fluch und Segen gleichzeitig. Haben Sie dem noch etwas hinzuzufügen?

CMH: Na, das hat er eigentlich ganz richtig beschrieben - Fluch und Segen! Bislang überwiegt in meiner Wahrnehmung ganz klar der Segen. Es hat sich mir, als Schauspieler Herbst, dadurch so manche Tür geöffnet, von der ich vorher noch gar nicht gewusst habe, dass da überhaupt ein Eingang ist. Und der Fluch, wenn man Ihn denn als einen solchen sehen will, ist, dass der ein oder andere in der ein oder anderen Fußgängerzone schon mal zu mir herüberwinkt und sagt „Sind Sie nicht der Stromberg?“ Dem halte ich dann meistens in sehr friedfertigen Ton entgegen: „Nein, ich spiele ihn nur.“ Und größtenteils entwickelt sich dann ein sehr charmanter Dialog. Diese Momente sind immer besonders schön, um festzustellen, wie der Fan überhaupt aussieht. Und ich stelle fest, der gemeine Stromberg-Fan kann Haupt- und Nebensätze formulieren. Und das festzustellen ist auch eine große Freude.

Frage: Danke für das Kompliment, dass ich Haupt- und Nebensätze sagen kann – ich bin nämlich Stromberg-Fan.

CMH: Gut! Das ist wie mit dem Chef, der sagt „Sie können mit Problemen jederzeit zu mir kommen, mein Büro steht immer für Sie offen.“

Frage: Und damit meint?

CMH: Der Chef meint damit: „Belästigen Sie mich bloß nicht mit Ihrem Privatscheiß.“




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"Büro ist wie ..Achterbahn fahren, ein ständiges auf und ab. Wenn man das 8 Stunden machen muss, TÄGLICH, dann kotzt man irgendwann."
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